Der Architekt des Flughafens

»Das schwierigste Bauvorhaben überhaupt«

Er ist eine Legende ohne Allüren. Norbert Koch, dem man seine 76 Jahre weder ansieht noch anmerkt, empfängt uns mit hellwachem, freundlichen Blick zum Interview in der Zentrale des Architekturbüros Koch+Partner in München Bogenhausen. Sein Büro im ersten Stock kommt ohne jeden Anflug von Protz aus. Stattdessen: geordnete Betriebsamkeit. Viele Bücher, Kataloge, Pläne, Modelle. Und an der Wand eine Luftaufnahme des Münchner Flughafens – samt Satellit.

Herr Koch, Sie haben in Ihrer Karriere viele Gebäudeeröffnungen miterlebt. Ist der Satellit da überhaupt etwas Besonderes für Sie?

Koch: Etwas ganz Besonderes! Es ist wohl der vorläufige Schlussstein meiner Tätigkeiten für den Flughafen München. Von allen Menschen, die heute in irgendeiner Form für den Flughafen tätig sind, bin ich vermutlich der Dienstälteste. Schon 1970 war ich an der Planung des neuen Flughafens beteiligt, 1975 verantwortlicher Projektkoordinator für den Masterplan.

Nach verschiedenen städtebaulichen Entwürfen und Planungen für den Betriebs- und Passagierabfertigungsbereich wurden wir 1986 mit der Planung aller Gebäude für die Allgemeine Luftfahrt beauftragt. 1997 gewannen wir den internationalen Architektenwettbewerb für das Terminal 2 und wurden mit der Planung einschließlich Parkhaus P20 beauftragt. Nach der Fertigstellung gewannen wir auch die Ausschreibung für den Satelliten.

Fiel es Ihnen schwer, sich über 46 Jahre immer wieder neu für diesen Airport zu motivieren?

Nie, weil jeder Abschnitt eine hoch spannende Aufgabe war. Und weil ich so häufig Menschen treffe, die sagen: »Das ist der schönste Flughafen, den ich kenne.« Das motiviert ungemein.

"Das einzige Gebäude in Deutschlands, das keinen Eingang hat"

In den letzten Jahren war der Satellit Ihre Daueraufgabe. Träumen Sie nachts schon davon?

Tatsächlich habe ich manchmal davon geträumt, dass die unterirdische Gepäcksortieranlage stehen bleibt, weil irgendetwas auf der Satellitenbaustelle schiefgeht. Das war ein Albtraum, der Gott sei Dank nie Realität wurde.

Der Satellit war also kein leichtes Projekt?

Nicht nur die Planung, sondern auch die Realisierung gehört zu den schwierigsten und anspruchsvollsten Bauaufgaben, die man sich vorstellen kann. Die Baustelle befand sich über einer Gepäcksortieranlage im vollen Betrieb und war umgeben von Flugbetrieb. Jede Lieferung auf die Baustelle musste kontrolliert werden. Dafür durften wir gemeinsam mit dem Bauleiter Höhler+Partner das wohl einzige Gebäude in Deutschland bauen, das keinen Eingang hat.

"Das wichtigste Gestaltungskriterium ist Übersichtlichkeit."

Welche Rolle haben die bestehenden Flughafenbauten für Ihre Arbeit als Architekt gespielt?

Gemeinsam mit dem Flughafen und allen anderen an der Planung beteiligten Architekten wurden bereits in den 90er Jahren die Gestaltungsrichtlinien erarbeitet und jeweils fortgeschrieben, um ein einheitliches Erscheinungsbild des neuen Flughafens zu erreichen: »Der weiße Flughafen im grünen Erdinger Moos.« Deshalb finden sich auch viele Materialien des Terminals 2 im Satelliten wieder - auch das Erscheinungsbild ist das Ergebnis einer konsequenten Weiterentwicklung dieser Gestaltungsrichtlinien.

Was war Ihnen bei der Gestaltung des Satelliten sonst noch besonders wichtig?

Das wichtigste Gestaltungskriterium an Flughäfen ist Übersichtlichkeit. Der Passagier muss sich jederzeit leicht orientieren können. Beim Satelliten gelingt das optimal: Dank der Fassaden auf beiden Seiten erkennt man jederzeit, wo man sich gerade befindet. Entweder sieht man das Terminal 2 oder das freie Gelände. Wer einmal da war, weiß, wie der Bahnhof am Terminal 2 von außen aussieht. Dann ist nach der Ankunft auch ohne Schilder klar, in welche Richtung es zum PTS geht – ein Blick aus dem Fenster genügt. Zudem war es uns wichtig, das Gebäude, das in seiner Länge vom Münchner Odeonsplatz fast bis zur Ludwigskirche reichen würde, sehr großzügig anzulegen.

"Klarheit, Übersichtlichkeit, Großzügigkeit, aber kein Protz"

Gibt es auch Erkennungsmerkmale, die den Satelliten vom restlichen Flughafen abheben?

Eines davon ist der ins Gebäude integrierte Tower. Damit man ihn auch von innen als den bekannten grünen Vorfeldtower wahrnimmt, haben wir das Tragwerk um ihn herum schräg ausgebildet und verspiegelt. Eine zweite Besonderheit ist die dreigeschossige Klimafassade. Sie führt zu einer energetischen Optimierung der Gebäudehülle. Und der Umsteigeverkehr der Passagiere zwischen den Pier-Ebenen geschieht in diesen Klimafassaden mittels Rolltreppen und Aufzügen auf beiden Seiten des Gebäudes. Deshalb genügen im Satelliten eingeschossige Fluggastbrücken. Außerdem haben wir die Ladenflächen im Satelliten anders gestaltet: Bei ihnen erstreckt sich der Eingangsbereich über die gesamte Länge und wird so zu einem Schaufenster ohne Glas – wir nennen das »Retail-Portal«.

Hand aufs Architektenherz: Welcher ist für Sie der schönste Flughafen der Welt?

Eindeutig München. Natürlich bin ich nicht objektiv. Aber hier gelingen Klarheit, Übersichtlichkeit, Großzügigkeit. Und es gibt keine große Show, keinen Protz. Das war immer mein Anspruch.