Vergleich Heathrow - München

London Heathrow und Flughafen München: Grundverschiedene Airports

17.03.2016
Immer wieder wird in der Diskussion um die dritte Start- und Landebahn von Kritikern auf den Flughafen London-Heathrow verwiesen, der es schaffe, mit ebenfalls nur zwei Bahnen viel mehr Passagiere aufzunehmen als München. Es wird argumentiert, dass sich der Flughafen München ein Beispiel nehmen müsse »am europäischen Marktführer«. Der schaffe es, pro Jahr 30 Millionen Passagiere mehr aufzunehmen und komme dabei auch mit zwei Startbahnen aus, heißt es in einem Leserbrief, der kürzlich in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Mit intelligenten »technisch-planerischen« Maßnahmen sei es möglich, ein größeres Verkehrsaufkommen zu bewältigen. Warum dieser Vergleich nicht taugt und die beiden Flughäfen grundverschieden sind, lesen Sie in diesem Artikel.

Viele Langstreckenziele in Heathrow

Am Flughafen München wurden bereits alle erdenklichen Möglichkeiten zur Kapazitätssteigerung ausgeschöpft. Mehr Verkehr wäre nur möglich, wenn vergleichbare Rahmenbedingungen gelten würden. Aber die sind bei näherer Betrachtung beider Flughäfen grundverschieden. Dass London-Heathrow (LHR) im vergangenen Jahr ein Verkehrsergebnis von rund 75 Millionen Fluggästen erzielen konnte, während der Flughafen München (MUC) »nur« 41 Millionen Passagiere zählte, hat auch damit zu tun, dass die britische Metropole neben Heathrow gleich über vier weitere Flughäfen verfügt - Gatwick (LGW), Stansted (STN), Luton (LTN) und City (LCY) - die gemeinsam den enormen Verkehrsbedarf des Großraums London abdecken.

Heathrow kann sich dabei auf interkontinentale Langstrecken konzentrieren, die mit großen Maschinen durchgeführt werden und daher hohe Passagierzahlen pro Flug ermöglichen. Mit vielen Zielen im ehemaligen »British Commonwealth of Nations« ist Heathrow die führende europäische Luftverkehrsdrehscheibe zu interkontinentalen Zielen.

Viel größeres eigenes Einzugsgebiet

Hinzu kommt, dass allein in »Greater London« über 8,3 Millionen Menschen leben. Zählt man das Einzugsgebiet mit den täglichen Pendlerströmen dazu, verzeichnet der Großraum London sogar 18,6 Millionen Einwohner. Dort leben also knapp sechs Millionen mehr Menschen als im gesamten Freistaat Bayern mit 12,7 Millionen Einwohnern, entsprechend groß ist das Verkehrsaufkommen.

Die multikulturelle Vielfalt der Weltstadt London sorgt zudem für eine hohe Nachfrage nach sogenannten »ethnischen Verkehren«. Londoner mit Migrationshintergrund nutzen vielfach Direktflüge ab Heathrow, um Freunde und Familie in den jeweiligen Heimatländern zu besuchen. Heathrow kann daher wie kein anderer Flughafen in Europa seine zahlreichen Langstreckenverbindungen allein aus seinem Einzugsgebiet füllen – ohne auf Zubringerverkehr mit kleineren Flugzeugen angewiesen zu sein, wie das in München der Fall ist. Damit ist in Heathrow eine gleichmäßig hohe Auslastung des Flughafens über den ganzen Tag möglich, besonders ausgeprägte Spitzen gibt es nicht.

Die Folge ist, dass sich die Flughäfen London-Heathrow und München vor allem durch einen völlig unterschiedlichen Verkehrsmix auszeichnen: So werden in Heathrow vorwiegend Flugzeuge schwerer Gewichtsklassen mit besonders großer Reichweite und großem Sitzplatzangebot eingesetzt. Das durchschnittliche Abfluggewicht der Flugzeuge in Heathrow beträgt 159,7 Tonnen, in München sind es 84,4 Tonnen.

München: Drehkreuz mit vielen Zubringerflügen

Das Drehkreuz München zeichnet sich durch einen Mix von Flugzeugen unterschiedlicher Gewichtsklassen aus, mit vielen kleineren Flugzeugen im Deutschland- und Europaverkehr und großen Maschinen auf den Langstrecken. So werden am Flughafen München ganz unterschiedliche Verkehre gleichzeitig abgewickelt: einerseits die Low-Cost- und Punkt-zu-Punkt-Verkehre, andererseits der Drehkreuzverkehr von Lufthansa und der Star Alliance.

Die Verkehrsstruktur ist geprägt durch viele kleinere, aber in engen Zeitfenstern eintreffende Zubringerflugzeuge und relativ wenige Langstreckenflugzeuge. Und gerade in dieser Kombination mit einem dichten Europaverkehr zu 169 Destinationen einerseits und attraktiven Langstrecken zu etwa 50 interkontinentalen Zielen andererseits liegt die Stärke des Drehkreuzes München.

24-Stunden-Betrieb in Heathrow

Aber auch unterschiedliche Betriebszeiten erklären unterschiedliche Verkehrsergebnisse: Grundsätzlich ist Heathrow täglich 24 Stunden in Betrieb. Während in Heathrow großzügige und kundenfreundliche Nachtflugregelungen gelten, sind in München in der Zeit zwischen Mitternacht und 5 Uhr faktisch keine Flüge zugelassen. Zusätzliche Einschränkungen zu den Tagesrandzeiten 22 bis 24 Uhr und 5 bis 6 Uhr sind der Grund dafür, dass in München weniger Flüge durchgeführt und täglich nur 16 volle Betriebsstunden genutzt werden können.

Die jeweiligen Standortbedingungen und die Luftverkehrsmärkte der »Mega-City« London und der bayerischen Landeshauptstadt unterscheiden sich also grundlegend. Nur eines ist beiden Flughäfen gemein: Die gravierenden Kapazitätsengpässe. Auch in Heathrow steht die Verwirklichung einer dritten Bahn vor der politischen Entscheidung. Nur sind dort, anders als in München, weitaus mehr Anwohner von den Auswirkungen einer dritten Bahn betroffen.

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