Ausgleichsflächen

Dreimal Englischer Garten

Eine Wissenschaft für sich: die ökologischen Ausgleichsflächen des Flughafens München

24.03.2015

Die dritte Start- und Landebahnbahn am Flughafen München benötigt insgesamt eine Fläche von rund 870 Hektar. Dieser Eingriff muss – wie jedes andere Vorhaben auch – nach dem Naturschutzrecht ausgeglichen werden. In der Summe entstehen durch den Bau rund 806 Hektar neue Ausgleichsflächen Dafür ist ein Grunderwerb in einem Umfang von mehr als 900 Hektar erforderlich, weil Teilbereiche der vorgesehenen Grundstücke naturschutzfachlich schon so wertvoll sind, dass sie nicht mehr aufgewertet werden können. Das ist dann mehr als die Bahn selbst benötigt. Aber wie kommt diese Zahl zustande? Was sind das für Flächen? Und wo liegen sie? In diesem Artikel finden Sie die wichtigsten Informationen dazu.

Unvermeidbare Eingriffe müssen ausgeglichen werden

Grundidee des Naturschutzrechts ist es, den Verursacher zu verpflichten unvermeidbare Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft durch Maßnahmen des Naturschutzes und der Landespflege auszugleichen (Ausgleichsmaßnahmen) oder zu ersetzen (Ersatzmaßnahmen). Das heißt: negative Folgen von unvermeidbaren Eingriffen etwa durch Bauprojekte sollen durch Maßnahmen des Naturschutzes ausgeglichen werden. Dieser Ausgleich ist verbindlicher Bestandteil der Baugenehmigung bzw. der Planfeststellung und erfolgt im Wesentlichen in fünf Schritten:

Fünf Schritte zum Ausgleich

Schritt 1
Auf Basis der technischen Planung des Bauvorhabens (Eingriff) werden naturschutzfachliche Gutachten und in der Folge der so genannte Landschaftspflegerische Begleitplan (LBP) mit der Herleitung und Planung der Ausgleichsmaßnahmen erstellt.

Schritt 2
Das Vorhaben wird von den zuständigen Behörden geprüft. Der Genehmigungsbescheid bzw. Planfeststellungsbeschluss umfasst auch die Bestimmungen und Auflagen zu den Ausgleichsflächen.

Schritt 3
Mit der weiteren Planung und Umsetzung des Projekts wird anhand der Auflagen im Genehmigungsbescheid auch die Detailplanung für die Ausgleichsflächen und weitere Begrünungsmaßnahmen erstellt. Hierbei werden Anforderungen von Gebiets- und Artenschutz sowie der Schutzgüter (z.B. Pflanzen, Tiere, Boden, Wasser) berücksichtigt.

Schritt 4
Mit Hilfe z.B. eines Landschaftsbauunternehmens werden die Ausgleichsflächen der Planung entsprechend gebaut. Die Genehmigungsbehörde bestätigt am Ende die Herstellung.

Schritt 5
Das Fachteam Landschaftsplanung der Flughafen München GmbH kümmert sich um die weitere Pflege- und Entwicklungsplanung der Flächen. Die Ausgleichsflächen werden langfristig vom Flughafen München gepflegt und bzgl. der vorhandenen Tier- und Pflanzenbestände immer wieder systematisch kontrolliert.

Aufwändiges Bewertungsmodell

Hinter der Festlegung der genauen Fläche, Beschaffenheit und Lage der Ausgleichsflächen steckt ein kompliziertes Bewertungsverfahren. Der Bedarf an Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen ergibt sich unter Berücksichtigung der zu treffenden Vermeidungsmaßnahmen aus einem wertenden Vergleich der Natur und Landschaft vor und nach dem Eingriff. Im Fall der dritten Start- und Landebahn hat es im Ergebnis dazu geführt, dass sogar etwas mehr Fläche für den Grunderwerb der naturschutzrechtlichen Ausgleichsflächen (908 Hektar) als für die Bahn selbst (870 Hektar) erforderlich sind. Zum Vergleich: zu Beginn des Flughafenbaus im Erdinger Moos hatte der Anteil der Ausgleichsflächen noch rund 10 Prozent der Eingriffsfläche betragen.

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Intensive ökologische Untersuchungen

Das Werkzeug für die Berechnung der erforderlichen Flächen ist die naturschutzfachliche Eingriffsbewertung. Sie funktioniert vereinfacht dargestellt so: auf die Landkarte mit dem Status Quo vor dem Eingriff wird zunächst wie eine Schablone der Umriss der geplanten Maßnahme gelegt Im LBP werden die Auswirkungen des Eingriffs im „Wirkraum“ erfasst und eine Eingriffs- und Ausgleichsbilanz für die Schutzgüter des Naturhaushaltes sowie das Wirkungsgefüge zwischen ihnen erstellt: • Tiere und Pflanzen • Boden • Wasser • Klima / Luft • Landschaftsbild Zusätzlich werden in einem weiter gefassten Wirkraum mögliche Auswirkungen auf geschützte Arten (Pflanzen und Tiere) und auf Schutzgebiete, wie das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000 mit dem Vogelschutzgebiet Nördliches Erdinger Moos berücksichtigt. Der LBP enthält neben Erläuterungsbericht und diversen Anlagen bereits die Planung für die erforderlichen Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen.

Kompliziertes Ausgleichsmodell

Das Ergebnis dieser Untersuchungen ist ein kompliziertes Rechenmodell, mit dem auf Basis des Ausgangszustandes, der Beeinträchtigungsintensität und der Zuordnung eines Kompensationsfaktors der Ausgleich berechnet wird. Bei den Auswirkungen auf das Schutzgut Tiere oder den Erhalt der Funktionsfähigkeit z.B. des Vogelschutzgebietes oder seiner Populationen geht es um die Bewertung und Herstellung von Ersatzlebens- oder Brutstätten in einer bestimmten Ausprägung und zu einem festgelegten Zeitpunkt.

Das bedeutet nicht, dass eine bestimmte Ausgleichsfläche jeweils nur eine Ersatzfunktion erfüllen könnte. Vielmehr bemüht sich der Flughafen in den entstehenden Biotopen multifunktional auszugleichen, d.h. auf einzelnen Flächen möglichst mehrere neue Lebensräume zu schaffen, so wie die Natur das auch macht. Diese müssen aber zueinander passen, daher ist auch die Konzeption dieser Flächen eine Wissenschaft für sich. So kann im Einzelfall ein sehr ausgefeiltes Anforderungsraster aus ganz verschiedenen Landschaftsarten mit zahlreichen Einzelmaßnahmen entstehen. In der Summe stellen sie sicher, dass die mit dem Bau verbundenen unvermeidbaren Eingriffe in Natur und Landschaft vollständig kompensiert oder ersetzt werden (Ausgleichs- und Ersatzflächen). Tatsächlich ist der Effekt noch größer, denn die neuen Biotope verbessern die heute teilweise ungünstige Situation für Tiere und Pflanzen insgesamt in der oftmals durch intensive Agrarnutzung geprägten Umgebung des Flughafens erheblich.

Bevorratung von Ausgleichsflächen

Die nächste Frage ist dann, welche Flächen tatsächlich geeignet und welche überhaupt verfügbar sind. Vorhabenträger wie der Flughafen sind verpflichtet, zunächst die Grundstücke, die sie bereits in ihrem Eigentum haben, für Zwecke des Ausgleichs zu verwenden. Das sind Flächen, die noch zu Biotopen aufgewertet werden können und im gleichen Naturraum, wie der Eingriff liegen müssen oder in der Nähe der beeinträchtigten Populationen. Der Ökopool des Flughafens besteht zurzeit aus rund sieben Hektar Ökokontoflächen und über 100 Hektar bereits hergestellte Maßnahmen für die dritte Start- und Landebahn.

Grünzug rund um den Flughafen

Über die eigenen Flächen hinaus wird der Flughafen für das Vorhaben dritten Start- und Landebahn auch fremde Flächen aufkaufen müssen. Hier befindet er sich in Konkurrenz zu den umliegenden Gemeinden, die ihrerseits Eingriffe auszugleichen haben. Das führt zu einer zum Teil schwierigen Suche nach geeigneten Ausgleichsflächen. Dabei gilt das Prinzip, dass sie so nahe wie möglich an der Projektfläche liegen sollen, um den Flughafen verträglich in die Landschaft des Erdinger Mooses einzubinden und um dem Naturschutzgesetz genüge zu tun. Deshalb wurde im Landschaftsrahmenplan für die Flughafenregion die Idee entwickelt, die Ausgleichsflächen in einen Grünzug rund um den Flughafen einzubringen. In der Praxis wurde mit den Behörden ein Suchraum von bis zu 50 Kilometern im Umkreis des Flughafens definiert.

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Aufwändige Pflege

In Abstimmung mit den Naturschutzbehörden wurden Entwicklungsziele für jedes einzelne der neu geschaffenen Biotope definiert. Die Pflegemaßnahmen zur Erreichung dieser Ziele sind für alle Flächen in Pflege- und Entwicklungsplänen niedergelegt, die kontinuierlich aktualisiert und an den Entwicklungszustand von Flora und Fauna angepasst werden. Sie enthalten unter anderem zeitlich und räumlich differenzierte Anweisungen zum Mähen von Wiesen und Feuchtgebieten sowie genaue Angaben zur zeitlich gestaffelten Verjüngung und zur Auflichtung der Ränder von Gebüschen und Feldgehölzen.

Fast 1.200 Hektar ökologische Ausgleichsflächen

Mit einer Gesamtfläche von 1.500 Hektar nimmt der Flughafen München heute ungefähr 5,9 Prozent vom Erdinger Moos ein. Etwa ein Drittel seiner Fläche ist durch Start- und Landebahnen, Abstellflächen für Flugzeuge und Straßen sowie Parkplätze versiegelt. Auf dem Rest befinden sich zum Teil wertvolle Magerwiesen zwischen dem Start- und Landebahnsystem, die seltenen Vogel- und Pflanzenarten als optimaler Lebensraum dienen. Außerhalb seines Geländes unterhält der Flughafen derzeit rund 370 Hektar an Ausgleichsflächen. Mit dem Bau der dritten Start- und Landebahn kommen noch einmal 806 Hektar Ausgleichsflächen außerhalb des Flughafengeländes dazu – insgesamt werden sie dann rund dreimal so groß sein wie der Englische Garten in München. Weitere Lebensräume für Pflanzen und Tiere finden sich in den rund 250 Hektar der so genannten Flughafenrandzone mit vielerlei Feldgehölzen und Hecken, Rasen- und Wiesenflächen sowie Wasserbauwerken.

Lebensraum für viele geschützte Arten

Übergeordnetes Ziel aller Naturschutz-Maßnahmen ist es, die ökologische Vielfalt zu steigern sowie die im Naturraum besonders gefährdeten Lebensräume mit hoher Artenvielfalt wiederherzustellen beziehungsweise zu optimieren. „So sorgen wir dafür, dass mit den Ausgleichsmaßnahmen die Biodiversität und die Lebensräume von Flora und Fauna langfristig erhalten und gesichert werden“, sagt Christl Holzer, Leiterin des Bereichs Landschaftsplanung und Naturschutz bei der Flughafen München GmbH.

Der Grünzug rund um den Flughafen und als Teil eines europäischen Schutzgebietes dient heute als Lebensraum für viele gefährdete Arten wie den Kiebitz, den Wiesenknopf-Ameisenbläuling, eine seltene Schmetterlingsart, und z.B. den kriechenden Sellerie, eine streng geschützte Pflanze. Er stellt außerdem die ökologische Verbindung zwischen den Isarauen und noch vorhandenen, erhaltenswerten Moorresten her (Viehlassmoos, Eittinger Weiher, Isarauen zwischen Mintraching und Freising, Notzinger Moos, Schwaigermoos, Zengermoos und Freisinger Buckel). So erhält der Flughafen München bisherige wertvolle Landschaftsbestandteile und schafft neue ökologische Zellen. Er sorgt damit nicht nur für den ökologisch wichtigen Zusammenhalt der Flächen untereinander, sondern stabilisiert auch das gesamte Ökosystem im Naturraum Münchner Schotterebene.